Zwischen uns ein ganzes Leben

Melanie Levensohn: Zwischen uns ein ganzes Leben

Melanie Levensohn: Zwischen uns ein ganzes Leben

Melanie Levensohn:

Zwischen uns ein ganzes Leben

Ich durfte den Roman um jüdische Schicksale im Paris des Vichy-Regimes und der Kollaboration und dessen Folgen für verlorene Familienmitglieder schon vorab lesen. Für mich hatte er Sogwirkung, ähnlich wie die Bücher von Kate Morton. Als besonderes Highlight durfte ich die Autorin befragen zu ihrer Romanrecherche:

 

Du zeigst in „Zwischen uns ein ganzes Leben“ das ganze Drama jüdischen Lebens im Paris des Vichy-Regimes chronologisch auf, von den Beschränkungen der Essensrationen, Zugang zu Berufen, öffentlichen Einrichtungen zu den Deportationen und er Angst in der Öffentlichkeit. Wie hast du recherchiert, um dieses Grauen so plastisch und schrittweise deutlich zu machen?

 

Ich habe alles dazu gelesen, was ich finden konnte.  Angefangen habe ich mit der französischen Wikipedia-Seite über die Besatzung, denn die ist sehr viel ausführlicher als die deutsche Wiki-Seite zum selben Thema. Das Buch, das mir am meisten geholfen hat, das tägliche Leben zu verstehen war „When Paris went dark“, von Ronald Rosbottom.

https://www.amazon.com/When-Paris-Went-Dark-Occupation-ebook/dp/B00H25FCHC

Auch dieses Buch hier hatte interessante Informationen über das tägliche Leben in Paris während der deutschen Besatzung:

“And the Show went on: Cultural Life in Nazi-occupied Paris”, von Alan Riding.
https://www.amazon.com/Show-Went-Cultural-Nazi-occupied-Paris-ebook/dp/B003F3PKYU/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1534273326&sr=1-1&keywords=and+the+show+went+on

Außerdem habe ich online in den Archiven des Figaro gestöbert, die haben fast alle alten Zeitungen digital erfasst.

Und ich habe den „Deutschen Wegleiter für Paris“ gelesen, fast alle Ausgaben. Das war die Zeitung für die deutschen Soldaten, in der stand, wo welche Filme, Opern und Theaterstücke gezeigt wurden. Das Ballett in der Garnier Oper, das Christian und Judith im Buch besuchen, wurde wirklich zu dieser Zeit gezeigt, auch mit den Tänzern, die ich im Roman erwähne. Ebenso der Kinofilm, den sie sich anschauen.

Auch J. Fath, den Modedesigner, gab es wirklich. Ich habe über ihn gelesen und in welcher Straße er sein Atelier hatte.
Außerdem habe ich ganz viele Romane gelesen, die zur Zeit der dt. Besatzung in Frakreich spielen, um zu verstehen, wie andere Autoren diese Jahre beschreiben.  Z.B.
“Sarahs Schlüssel” v. T. Rosnay
“Die Nachtigall” v. K. Hannah
“All the Light we cannot see” v. A. Doerr
„Léon und Louise“ v. A. Capus
„Ein Stammbaum“ v. P. Modiano
„Honigtot“, v. H Münzer
„Suite Française“ v. I. Némirovsky,  und das
Tagebuch von Colette
.

Ich kenne Geschichten der Resistance in Lyon oder die Drückebergergasse in München hinter dem Odeonsplatz, wo man hindurch ging, wenn man nicht den positionierten SSlern am Odeosplatz den Hitlergruß zeigen wollte. Und natürlich die Weiße Rose, für die es noch heute an meiner ehemaligen Uni, der LMU in München, eine Gedenkstätte gibt.  War Christians versuchte Rettung von Judith deiner Meinung nach eine Einzeltat aus Liebe oder gehörte er einem Netzwerk an? Hast du über den Widerstand in Paris recherchiert oder war die Liebesgeschichte Christian und Judith für dich „nur“ eine Romanze unter furchtbaren Umständen?

Im Roman gehört Christian keinem Netzwerk an, aber er versucht, durch ein Netzwerk gefälschte Papiere für Judith zu bekommen, was leider sehr lange dauert. Ich wollte mit Absicht kein weiteres Buch über die Résistance schreiben, da ich der Meinung bin, dass darüber genug geschrieben worden ist. Ich wollte die andere Seite beleuchten, die Seite der Kollaborateure, die Seite der Mitläufer. Es ist ein sehr dunkles Kapitel der französischen Geschichte. Chirac hat sich als erster Präsident 1995 (!) dafür entschuldigt und die Verantwortung der Franzosen während der deutschen Besatzung eingestanden. 50 Jahre nach Kriegsende!

 

Die Mutter von Judith ergibt sich der Depression, als die Lebensumstände immer drückender werden, während Judith selbst versucht, den Mut nicht zu verlieren – was außer der Liebe von Christian sorgt für diesen Unterschied im täglichen Leben?

Die Mutter war schon vor dem Krieg depressiv, nachdem/weil Judiths Vater sie verlassen hat. Das wird auch zu Beginn geschildert, aber natürlich haben die politischen Umstände ihren Zustand immer weiter verschlimmert. Das war übrigens wirklich so. Ich habe darüber gelesen, dass sich viele Juden und andere Verfolgte damals das Leben genommen haben, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben.
Judith ist zu Beginn noch etwas blauäugig, sie ist sich sicher, dass sie als Französin nicht in Gefahr schwebt. Auch das ist historisch belegt. Viele jüdische Franzosen haben das damals geglaubt, weil in der ersten Zeit die osteuropäischen Juden verfolgt wurden. Man nahm auch an, dass die KZs Arbeitslager waren, keine Todeslager. Davon abgesehen wurden die Juden ja auch nicht sofort verfolgt, das kam alles langsam und schrittweise.

Als die Lage immer schwieriger wird, klammert sich Judith an Christian. Sie ist verzweifelt, als sie nicht mehr studieren darf, sie kein Bargeld bekommen und es immer weniger zu essen gibt. Aber Christian steht zu ihr, hilft ihr und ihrer Mutter über die Runden. Seine Liebe trägt und erhält sie. Das ist ein großer Unterschied zur Mutter, die ihre Liebe schon viele Jahre vorher verloren hat und sich alleine durchs Leben schlagen muss.
Die Mutter ist alt, verbittert und krank. Sie sieht keinen Ausweg mehr, während für Judith das Leben ja erst angefangen hat.

Was ich mich während des Lesens gefragt habe: verstößt das Essen eines Weihnachtskuchens gegen jüdischen Glauben oder ist das schlicht der Stolz des nicht-annehmen wollens bei Judiths Mutter?

Nein, das verstößt nicht gegen den jüdischen Glauben, aber es kommt immer darauf an, wie streng jemand den Glaubensregeln folgt. Es gibt Juden, die leben koscher und Juden, die leben nicht so.

In meinem Roman war die Mutter zu Beginn einfach nur skeptisch und stolz. Sie hatte auch große Angst, dass Christian, der Nichtjude, sie verraten könnte. Man wurde ja überall beobachtet, bespitzelt, und wusste nicht, wem man trauen konnte. In den Augen der Mutter hätte es also gut sein können, dass Christian gar nicht der liebe gute Mensch ist, für den Judith ihn hält. Liebe macht ja bekanntlich blind : )

Aber dann hat sie doch schnell Vertrauen zu ihm gefasst, sie hatten dieselben kulturellen Interessen, konnten sich über Literatur und Politik unterhalten, und da hat sie sich dann etwas geöffnet.

 

Als Melanie Levensohn bei ihrer Hochzeit den Familiennamen ihres Mannes annahm, wurde sie zur Namensvetterin seiner französischen Großcousine, die in Auschwitz ermordet wurde. Deren tragische Lebensgeschichte inspirierte sie zu diesem Roman. Melanie Levensohn lebt mit ihrer Familie auf einem Weingut im kalifornischen Napa Valley.
1970 wurde sie in der Nähe von Frankfurt geboren, studierte Politikwissenschaften und Literatur in Frankreich und Chile und arbeitete später als Pressereferentin für die Weltgesundheitsorganisation in Genf und bei der Weltbank in Washington D.C..

 

Weitere Beiträge findet ihr bei Steffi und Heike.

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