Ruth Schneeberger: Mama, du bleibst bei mir

Ruth Schneeberger:

Mama, du bleibst bei mir

Es gibt 3,4 Millionen Pflegebedürftige im Moment in Deutschland. 75% davon werden zuhause von Angehörigen gepflegt. Jeder 10. Deutsche pflegt also: Partner, Kind, Eltern oder andere Verwandte. Ab 65 kümmert sich sogar jede/r Zweite um einen pflegebedürftigen Partner. Ohne pflegende Angehörige wären drei Millionen mehr Vollzeit-Pflegekräfte nötig. Trotzdem wird Pflege zuhause vom Staat kaum honoriert.

Ruth Schneeberger erzählt davon, wie sie zehn Jahre lang ihre Mutter pflegte, die nach einem schweren Schlaganfall nicht mehr für die Allgemeinheit verständlich sprechen konnte und sich nur noch mit Lauten äußern konnte und wie sie sich währenddessen fühlte. Von Bittsteller sein bei Kassen, Ärzten und Pflegediensten, zu finanziellen Desastern, wenn Anträge nur sehr langsam oder gar nicht bearbeitet wurden. Von Papierkrieg mit Behörden, Pflegehilfskräften, die die verschriebenen Medikamente nicht oder falsch gaben und Missständen in der Gesetzgebung.

Zum Beispiel davon, dass man seit wenigen Jahren Anspruch hat auf 6 Monate Pflegezeit, ähnlich der Elternzeit. Nur ist das a)unbezahlte Freistellung und gilt b) nur für Festangestellte. Man “darf” sich also 6 Monate lang intensiv um den zu pflegenden Verwandten kümmern, hat dabei erhöhte Kosten durch Medikamente, Geräte, Rollstuhl/Pflegebett etc, seine eigenen Fixkosten und bekommt dafür 0€ – im besten Fall. Im schlechtesten Fall verliert man als Freiberufler wegen Unzuverlässigkeit und mangelnder Erreichbarkeit zusätzlich all seine Kunden.

Ruth Schneeberger erzählt aber nicht nur von diesen finanziellen und juristischen Themen, sondern auch davon, wie sehr es sie gefreut hat, ihre Mutter bestmöglich betreut zu wissen. Sie vor Schaden durch Unwissenheit zu bewahren, sie lächeln zu sehen, wenn sie erraten hat, was ihre Mutter gerade brauchte. Und auch von Netzwerken, Hilfsangeboten, Ansprüchen, die man hat. Von der Notwendigkeit des unbequem seins und kleinen Siegen.

Und auch von der Wichtigkeit, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Was jeder von uns tun kann, rät sie im letzten Kapitel: von Vorsorge- und Betreuungsvollmachten, möglichen Zusatzversicherungen, notariellen Dokumenten, die der oder die Bevollmächtigte im Ernstfall haben sollte.

Ich finde nicht nur beim Thema Pflege ist dieses Wissen immens wichtig – was will der andere(Partner, Eltern, andere enge Angehörige) im schlimmsten Fall. Wenn man hilflos an einem Bett steht und der andere beatmet wird, kann man solche Fragen nicht mehr stellen und das kann in jedem Alter passieren.

Bevor jetzt jemand sagt, leicht geredet: ich habe Vorsorgevollmacht, Betreuungsvollmacht, Patientenverfügung und Testament seit Jahren fertig liegen – und in Kopie beim Hausarzt hinterlegt. Denn ich will nicht, dass zu Trauer und Leid auch noch Konfusion, Unwissenheit und Scham kommt, wenn es mit mir zu Ende geht.

Bei einem Bekannten war es mit 28 so: schwerer Motorradunfall, Sozia tot, er schwerer Hirnschaden. Seine Angehörigen wussten nicht, was er wollte – und steckten kurz danach in einem Rechtsstreit mit den Eltern der Beifahrerin. Er selber währenddessen im Wachkoma. In der Woche nach diesem Unfall saß ich mit Beratungsunterlagen beim Hausarzt. Ich lebe-gesund und glücklich- aber ich weiß auch, was mit mir in vollem Einverständnis passiert, wenn der Zustand anders wird. Das ist sehr sehr beruhigend-und letzlich ein Akt der Liebe gegenüber denen, die sonst hilflos wären im Ernstfall.

Was meint ihr dazu?

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